Ich sah, wie mein Schatz mit mehreren Frauen flirtete, wie sie ihn umgarnten und er sich wie ein Hahn im Korb benahm. Laut lachend,
Küsse verteilend… Ich stand da und sah zu. Bewegungslos. Wie angenagelt. Das tat so weh. Dann ging die Zimmertür auf und ein Pfleger weckte mich. Das von meinem Schatz war ein Traum. Ein
Alptraum. Wieder übermannte mich diese unendlich große Angst und Traurigkeit. Wieder quälte mich die Sehnsucht zu ihm. Wieder weinte ich. Ich versuchte mich zusammenzureißen und machte mich fürs
Frühstück fertig. Ab heute mußte im Frühstücksaal essen. Welch eine Ehre – habe ich mich doch gut verhalten und bekam als Belohnung ein bisschen von meiner Freiheit zurück. Ich kam mir vor wie
ein Hund, der ein Kunststück gemacht hat und dann einen halbverwesten Knochen hingeworfen bekam. Als ich zur Stationstür ging, merkte ich mehr und mehr, wie ich wieder abbaute. Es ging ruck zuck.
Schneller, als ich überhaupt realisieren konnte. Was war nur mit mir los??? Mit meiner Seele und meinem Körper??? Die für mich zuständige Stationsschwester sah mich. Es war die gleiche wie
gestern Morgen und zeigte sich sichtlich unbeeindruckt und eiskalt. Mir kullerten die Tränen runter. Wieder der Spruch, da müsse ich halt mal durch. Wieder die Bestätigung, wie fehl am Platze ich
hier bin. Ich will nur noch nach Hause. Für andere mag das hier eine Lösung sein. Zugedröhnt mit Medikamenten irgendwie durch den Tag zu kommen. Aber nicht für mich. Ich habe große
Magenschmerzen. In der Nacht bin ich sogar davon aufgewacht, ging auf die Toilette und hatte einen unglaublich schmerzhaften Durchfall. Auch etwas, was ich so noch nie erlebt habe. Ich behielt es
für mich. Litt still vor mich hin. Keiner sollte merken, daß es mir noch schlechter ging.
Tagtraum
Das Wetter hat sich auch nicht als Bringer entpuppt heute. Ein neuer Tag im Knast. Die Flucht vor dem Nichtstun. Ich bat um meine
Baumblütentropfen und mein Handy. Ich versuchte meine Ma anzurufen. Es ging nur der AB dran – auch beim 2. Mal. Meiner Nichte antwortete ich auf ihre SMS. Danach gab ich mein Handy wieder ab.
Ging in einen Gemeinschaftsraum und hoffte, daß dort etwas los war. Sofern man das erwarten konnte auf „so einer“ Station. Vorher überlegte ich noch, ob ich meinen Schatz eine SMS schicke, aber
ich hatte zu große Angst. Also ließ ich es. Im Gemeinschaftsraum saßen 3 Mitpatienten. Einer von ihnen laberte unentwegt auf mich ein. Irgendwann stand er dann auf und ging. Ich blieb noch einen
Moment sitzen, stand dann auch auf und sagte laut „… und da soll man hier nicht beknackt werden…“ und ging auf mein Zimmer. Es dauerte nicht lange, da ging die Tür auf. Ich sollte zur
Blutabnahme. Super – wieder etwas, was ich scheinbar hellsehen sollte, denn der Ton war keine Bitte, sondern ein Befehlston, als hätte ich etwas verbrochen. Was für ein beknackter Scheißladen!!!
Pardon für meine vulgäre Ausdrucksform, aber so langsam verabschiedete sich auch bei mir die gute Erziehung. Ok, ich begab mich also in die sogenannte „Kanzel“ zur Blutabnahme. Untersucht wurde
auf alles Mögliche. Drogen, Hepatitis, Aids, „Fehlbestände“ an Kalium & Co,… Das Ergebnis kriegt der Hausarzt. Ich hätte Veto einlegen können – tat ich aber nicht. Man will sich ja nicht
unbeliebt machen. Nicht wahr?
Morgen-Appell
Bis die Oberarzt-Visite, die heute auf der To-Do-List stand, anstand, dauerte es noch eine Weile. Also holte ich mir noch einen Kaffee
und starrte auf die schöne Landschaft, die wolkenverhangen im Nebel lag. Ich fühlte mich meinem Schatz plötzlich so nahe. Es war, als sähe ich ihn vor mir. Drehe ich jetzt ganz durch? Ich legte
meine rechte Hand auf die Fensterscheibe, mit der anderen hielt ich meine Kaffeetasse fest – vielleicht spürte ich ihn auch? Nein. Natürlich nicht. Eine der Schwestern bat mich dann ins Zimmer zu
gehen. Die Schäfchen wurden in den Stall gescheucht, damit der Oberhirte die Schur vollziehen konnte. Der Oberarzt gondelte mit seinem Gefolge durch die Gänge und von Zimmer zu Zimmer. Er fragte,
wie es mir ging. Ich antwortete ihm artig. Klar, Hauptthema in den paar Minuten (und das 1 x pro Woche) war die Trennung. Er war relativ nett und sprach mit netter Stimme im Großvater-Modus, wenn
man es so nennen kann. Als ich ihm erzählte, daß ich im letzten Sommer mehr erlebt habe und Lebensfreude gespürt habe als in den letzten 6 Jahren in meiner Ehe, kullerten mir wieder die Tränen
haltlos über die Wangen. Auch erzählte ich ihm vom Beinahe-Absturz mit meinem Schatz. Wir waren im Oktober mit dem Helikopter in Nebel geraten und es war ganz schön kritisch. Kurz darauf
verabschiedete sich der Arzt. Ich konnte ihn gerade noch fragen, ob ich einen Tagesausflug mit meiner Mutter zu meiner Schwester in die Reha-Klinik machen darf. Er sagte, daß er es eintragen läßt
und somit hatte ich wieder ein Stück meiner Freiheit zurück erobert – und wenn es nur für ein paar Stunden war.
Besuch aus der normalen Welt
Ich dachte darüber nach an der anstehenden Beschäftigungstherapie teilzunehmen. Bevor es aber soweit war, bat ich nochmals um mein
Handy und rief eine Nachricht von meiner Mailbox ab. Es war meine Ma, die mir mittteilte, daß sie und Walter bald vorbeikommen. Jetzt wußte ich leider nicht genau wann. Ich wollte auch nicht, daß
wenn sie ankommen, auf mich warten müssen, weil ich in der Bespaßungsgruppe hockte. Also wartete ich von kurz nach zehn bis halb zwölf am Fenster gegenüber vom Stationszimmer. Es war auch noch
die Zeit, wo es was zu Spachteln gab. Vorsorglich informierte ich mich darüber ob Besucher auch mit in den Speisesaal durften. Glücklicher weiße war das o.k. Als meine Ma und Walter ankamen, war
das Gefühl sehr beklemmend. Ich merkte, daß meine Ma geschockt realisierte, wo ich mich befand. Ich hatte ihr m Vorfeld bereits gesagt, daß ich hier völlig fehl am Platz bin. Anfangs sah sie das
scheinbar nicht so. Nicht weil sie meinte ich wäre in der geschlossenen Psychiatrie gut aufgehoben, sondern weil sie gar nicht realisiert hatte, wo ich hingebracht worden bin. Sie meinte genauso
wie ich, daß ich „nur“ ins Krankenhaus kommen würde. Jedenfalls waren die beiden nun da und ich war, zumindest für einige Zeit „unter Normalos“. Wir
gingen in den Speisesaal wo ich mir dann Käsespätzle aussuchte. Eigentlich sahen die recht gut aus, aber seit wann kippt man da Tomatensoße drüber? Wieder ein Indiz dafür, daß es hier nicht mit
rechten Dingen zuging. Diese Perversität lehnte ich ab und mümmelte mir kurz darauf meine Spätzle rein. Neben mir saßen meine Ma und Walter. Nebenbei erzählte ich dann von dem, was ich hier so
erleben … oder besser gesagt, ertragen … mußte. Nach dem „Lunch“ gingen wir ins gegenüberliegende Café. Eigentlich nett eingerichtet. Eigentlich. Die gammeligen Tulpen auf den Tischen warn nicht
so der Hit. Zumindest waren die Preise human. Wir saßen eine ganze Weile dort, als dann „Hr. Ruby“ ein schizophrener Mitpatient, herein kam. Wir konnten gerade noch verhindern, daß er sich zu uns
setzte. Diese Labertasche brauchte ich jetzt nicht wirklich. Alle Drei kamen wir zu der Erkenntnis, daß ich so schnell wie möglich hier raus mußte, denn sonst würde ich bescheuert werden. Meine
Ma hatte noch ein paar Sachen mitgebracht, u.a. meine Gitarre mit Notenbüchern. Ein wenig Normalität und Vertrautheit, was mir gut tat. Nachdem meine Ma und Walter wieder gefahren waren, ließ ich
mir meine Gitarre aushändigen, die ich zuvor beim Stationsteam abgegeben hatte, damit ihr nichts passiert. Im Raum, wo ich mich hin zurückziehen wollte, waren noch 2 Personen und ich mußte noch
einige Zeit warten, bevor ich „abschalten“ konnte. Ich packte meine Gitarre aus und fing an zu spielen. Es tat so unheimlich gut. Nach einiger Zeit saßen drei weitere „Insassen“ dabei, was mich
nicht störte. Als ich solange gespielt hatte, bis mir meine Finger schmerzten, packte ich meine Gitarre wieder ein und brachte sie wieder in Sicherheit. 2 der anwesenden Schwestern lobten mein
Spielen und meinten, ich würde toll singen. „Naja, fürs Lagerfeuer reicht es….“, sagte ich und erinnerte mich an das, was mein Schatz zu mir sagte, als er mich das erste mal spielen und singen
hörte. Er war total hin und weg und sagte sanft, wie schön es gewesen sei… es war glaube ich Dirty Old Town von den Pogues, was ich damals spielte und sang. Die Erinnerung an seinen Blick und
seine Worte, stachen mir tief ins Herz.
Kicker-Queen und Erinnerungen
Eigentlich sollte ich am Abend, so gegen 17 Uhr, nochmal Besuch kriegen. Bis dahin nahm ich an der Therapiegruppe „Gedächtnistraining“
teil. U.a. schnupperten wir an zweckentfremdeten Urinbechern, die diverse Duftstoffe enthielten. Es war eine ganz nette Sache, die einen dabei half, kurz zu vergessen, wo man war… und vor allem
warum. Ich fragte mich aber, was das mit Gedächtnistraining zu tun hat… oder gar mit irgendeiner Art einer „Therapieform“. Die Gruppe war zuende und
ich hockte mich in die Nähe vom Stationszimmer hin. Wieder einmal. Wieder versuchte ich das Gefühl zu haben, im Dunstkreis von „Normalos“ zu sein. Außerdem konnte ich so gut mitbekommen, ob mein
Besuch kam. Es wurde später und später. Es kam die Abendbrotzeit und ich ging wieder in den Speisesaal, aß etwas und hatte wieder das Pech, daß mir eine der schizophrenen Labertaschen auf den
Keks ging. Mich würde es nicht wundern, wenn ich noch schlimme Verdauungsstörungen deswegen bekomme. Ich war fertig mit dem Essen und ging dann wieder auf die Station und ließ mich wieder
„einsperren“. Um die Zeit zu überbrücken, hockte ich mich erst in den großen Gemeinschaftsraum und später in meine ehemalige Luxus-Suite – dem Kickerraum. Zusammen mit einigen „Labertaschen“
spielte ich dann ein paar Kicker-Matches. Ich dachte viel an meinen Schatz, denn wir hatten zu Silvester auch gekickert. Ich hatte mich ziemlich blöd angestellt damals und hatte sogar etwas
Angst, daß er mich deswegen nicht lieb hat, weil ich mich eben so tussig angestellt hatte. Naja. Nun stellte ich aber fest, daß ich wirklich gut kickern konnte. Wenn mich mal eines Tages jemand
fragt, was mir die geschlossene Psychiatrie gebracht hat, dann kann ich zumindest behaupten, daß ich eine brillante Kickerin geworden bin. Super oder? Anfangs war es natürlich sehr schwer für
mich, mit dem Kickern, eben wegen dem letzten Silvester. Immer wieder mußte ich daran denken, wie ich versehentlich die gegnerischen Stangen habe bedienen wollen, oder wie blöd ich geschaut habe,
wenn mal wieder ein Schmetterer quer übers Feld direkt ins Tor flog und ich kaum hinterher kam mit dem Tempo. Ja und natürlich an den Spaß, den wir hatten. Es kam mir vor wie eine Ewigkeit. Es
war… wie aus einem anderen Leben. Es war ein wunderschönes Silvester im Kreise seiner Familie. Ich zwang mich dazu, nicht mehr daran zu denken, was aber sehr sehr schwer war. Die Zeit verging und
auch mein Besuch hatte mich versetzt, was ich sich schon sehr selbstredend fand. Nicht mal eine kurze Absage. Naja. Dann eben nicht. Eigentlich wollte mich Micha, der Gutachter, besuchen. Aber
eigentlich war es auch ok, daß er nicht kam. Ich war eigentlich sogar froh darüber, wenn ich genauer darüber nachdenke. Nur hätte er zumindest absagen können – das finde ich, gehört zum guten
Ton. Leider habe ich in letzter Zeit einfach zu oft erfahren müssen, daß manche Menschen überhaupt keine menschliche Art und Weise an den Tag legen können – oder wollen – oder sie legen bewußt
ein falsches Bild an den Tag und lügen, um sich selbst oder anderen etwas einzureden.
Ein Gefühl von Normalität – mehr oder weniger
Dann wechselte ich wieder meine Location und siedelte in den TV-Raum rüber und schaute mir „Schillerstraße“ an. Auch hier hatte ich kurz das Gefühl, normal zu sein. Bevor ich aber TV schauen konnte, mußte ich das Kicker-Match unterbrechen. Es stand nämlich noch das tägliche Gespräch bezüglich des Befindlichkeitsprotokolls an. Natürlich hatte die böse Panthera nicht dran gedacht und der für mich zuständige Pfleger sprach mich darauf an. Normalerweise mußte man selbständig daran denken und den Kram ausfüllen. Der Pfleger hatte aber Glück, denn er machte einen netten Eindruck auf mich. Also sah ich zu, daß ich das Gespräch mit ihm schnell über die Bühne brachte. Auch ihm erzählte ich, daß es mir eben morgens immer sehr schlecht geht jetzt. Und auch er ließ ansatzweise Hoffnung aufflammen in mir. Gegen 23 Uhr ging ich dann auch ins Bett. Meine beiden Zimmernachbarinnen schliefen schon – eine von den dreien war entlassen worden, drum waren wir „nur“ noch zu dritt. Jedenfalls dachte ich, daß die 2 schon schliefen, denn kaum hatte ich meinen Einschlafseufzer gemacht, jammerte eine der beiden herum, stand auf und kramte laut in ihren Habseligkeiten, die wild in Plastiktüten verteilt in ihrem Bereich herumflogen. Dann lief sie ständig mit ihren schweren Stiefeln im Zimmer umher, ging raus, kam rein, Licht an, Licht aus. Super! ich bin ja sehr geduldig und verständnisvoll. Dann stand die andere Patientin auch noch auf. Fast das selbe Muster. So langsam war ich genervt. Darüber hinaus randalierte noch eine weitere Mitpatientin auf dem Flur. Oh Mann! Wenn das so weiter geht… dann kam die eine Patientin, die die zuerst aufgestanden war, wieder rein und unkte herum. Ich sprach sie an und fragte sie, ob das jetzt die ganze Nacht so weitergehen soll und das ich damit nicht einverstanden bin. Sie brabbelte etwas und schob die Schuld auf die randalierende Patientin auf dem Flur. Ich merkte schnell, daß hier Reden sinnlos war. Als ich noch überlegte, was ich nun tun konnte, damit ich meine Ruhe habe, war die Zimmernachbarin wieder verschwunden. Ich sackte wieder leicht in den Schlaf – Klar, daß dann kurz drauf die Tür wieder aufgerissen wurde. Diesmal war es aber jemand vom Nachtdienst und gerade als die Schwester wieder rausgehen wollte, fragte ich höflich nach, wie man die Situation hier in den Griff bekommen kann. Sie würde sich darum kümmern. Na hoffentlich. Ich hatte vor dieser Zu-Bett-Geh-Story noch ein wenig mit meinem besten Kumpel telefoniert. Ich befand mich, dadurch das ich Ausgangsstatus hatte, vor der Stationstür, die nur mittels Schlüssel vom Personal zu öffnen ging. Irgendwann kam einer von der Nachtschicht und mockerte mich an, daß das nach 20 Uhr nicht gern gesehen wird. „ja, danke. Du mich auch“, dachte ich mir. Ich wußte nur, daß Stationsruhe um 23 Uhr war – nirgends stand, daß ich mit Ausgangsstatus vor 23 Uhr auf der Station sein mußte. Vollidioten! Egal. Ich ging dann mit einem Handy eben auf die Station und telefonierte dann von dort aus weiter. Es tat mir richtig gut. Es dauerte nich lange, da bekam ich den nächsten Rüffel von diesem Typen. Ich sollte doch nun mal aufhören zu telefonieren. Halloooooo????!!!!! Ich glaube, der konnte es nicht verstehen, daß mir ein Telefonat mit einem normalen Menschen mehr half als die Giftmüll-Drops, die sie den Insassen abends routinemäßig verabreichten, damit sei eine ungestörte ruhige Kugel (miteinander) schieben konnten. Ich beendete da Gespräch mit meinem besten Kumpel und gab mein Handy wieder ab. Ich konnte es mir nicht verkneifen, noch einen Satz an den Typen loszuwerden. Statt ihm zu sagen, er soll doch bitte mein Handy in mein Fach legen, sagte ich, daß er mir doch bitte meine Nachtmedikation in mein Fach legen soll und drückte ihm mein Handy in die Hand. Er guckte mindestens genauso blöd wie eine Kuh wenn’s donnert. Ich grinste ihn an und sagte in einem bestimmenden Ton „DANKESCHÖN“, drehte mich um und ging in meine Zelle… pardon… in mein Zimmer.
Panthera Tigris
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