Mittwoch, 13. mai 2009 3 13 /05 /2009 19:53



Der Tag fing wieder mit Tränen an. Mein morgendlicher Status bezüglich meines gebrochenen Herzens war nach wie vor unverändert. Ich versuchte mich zusammenzureißen und frühstückte im Frühstückssaal der Klinik. Danach hockte ich mich in den Aufenthaltsraum und kurz darauf kam Thomas mit Äpfeln und Birnen, 2 Schüsseln und 2 Messern rein. Thomas wurde mit richterlichem Beschluß hier eingewiesen – er ist Alkoholiker. Ein ganz normaler Typ – der nette Nachbar von nebenan. Unauffällig. Freundlich. Auf der letzten Patientenversammlung wurde beschlossen, daß am Sonntag ein Kuchen gebacken wird – um die Zeit totzuschlagen und um sich abzulenken. Er hatte sich um alles gekümmert. Auch mich hatte er gefragt, ob ich mich beteiligen wollte – aber ich lehnte ab. Es waren genug andere da, die da helfen wollten. Nun stand er jedoch alleine da mit seinem Back-Programm. Wie immer haben die, die am meisten den Mund aufgerissen haben, den Schwanz eingezogen und sich verdünnisiert – sofern man das hier auf Station überhaupt hinbekommt. Er tat mir leid, denn er hatte die ganze Organisation gewuppt und nun… nun war er zu Recht enttäuscht. Ich hockte mich neben ihn an den großen Tisch und nahm wortlos das Messer und fing an das Obst zu schälen und zu schneiden. Er freute sich sehr, sagte aber nichts. Er wußte auch, daß ich mit dem Messer keinen Unsinn machte. Es war etwas nonverbales, was zwischen Menschen entsteht, die von gewissen Dingen die selbe Ansicht teilen.



Back Datt!

So saßen wir also mit unserem Obst an dem Tisch, schälten und schnibbelten es. Ab und zu kam eins der „Großmäuler“ und gab „Anweisungen“ – die wir ignorierten. Als wir mit dem Obst fertig waren, sagten wir der Stationsschwester bescheid. Wir durften natürlich nicht alleine in der Stationsküche sein, hätten wir uns doch selbst ins Nirvana blasen können mit diversen Gerätschaften, die dort – wie in einer normalen Küche auch – vorhanden waren. Ich beschloss, Thomas weiter zu helfen und wir machten uns dann daran insgesamt 3 Bleche Kuchen zu backen. Einen mit Apfel, einen mit Birne und einen der fast wie ein Käsekuchen war. Innerhalb von 2,5 Std. hatten wir das geschafft. Waren abgelenkt und fühlten uns ganz gut. Ein bisschen Normalität schien ich zu spüren und war auch mit den Gedanken nicht ständig bei meinem Schatz.



Happy Sarcasm

Auf der ganzen Station duftete es nach dem Kuchen. Bevor dieser aber vernascht werden konnte, war es erstmal Zeit für das Mittagessen. Also ging ich wieder in den Speisesaal, mampfte eins der 2 angebotenen Gerichte und verdrückte mich wieder auf die Station. Irgendwann kamen meine Ma und Nina vorbei. Nina hatte bei meiner Schwester mal ein Seminar gemacht und meiner Ma ihren Fahrdienst angeboten – eben damit sie mich oder meine Schwester mal besuchen kann. Sehr lieb von ihr. Wir setzten uns auf eine Bank am Klinikgelände und ich tat mal wieder einen auf lustig. Das lenkte mich ab und meine beiden „Gäste“ hatten Spaß an meinen Humor. Auch einige Mitpatienten von anderen Stationen, die ebenfalls draußen in der Sonne saßen, bekamen meinen Humor mit. Naja. War mir egal. Immerhin war ich ja noch immer im Hotel „zur lockeren Schraube“.



Extreme

Wie locker die Schraube war, wurde mir dann wieder klar, als Mrs. Federboa wieder auftauchte. Die Frau war total durchgeknallt. Halb Punk, halb Grufti. Rasierter Irokese, unglaublich grottige Klamotten an – extremst ordinär und primitiv. Ja, da fühlt man sich doch gleich wohl bei so einem Gesocks. Sie kam öfters auf mich zu und ließ sich über meine Haarfarbe aus. Mein Kopf würde brennen, aber ich hätte ja ein blaues Shirt an, mit dem ich ja löschen könnte. Ich ließ sie links liegen – anfänglich hatte ich ihre verbale Herausforderung mit einem Spruch abgeblockt, aber selbst das war mir vergangen. Egal was sie an Medikamente bekam – die Dosierung stimmte nicht. Auf Station gab es ein Raucherzimmer. Dort hatte sich Madame mit einem weiteren Patienten auf den Tisch gehockt. Sie massierte den Patienten. Mit den Füßen… sein bestes Stück. Klar, daß die anderen Raucher das nicht so toll fanden. Somit wurde kurzerhand Meldung gemacht und es dauerte nicht lange, da wurde Madame von einem Pfleger „abgeführt“. Und das war nur eine der Abartigkeiten, die diese Person veranstaltete… Intim werden ist ja ganz nett, aber bitte dann so, daß sich dadurch andere nicht gestört fühlen. Ich war wirklich froh, daß ich das nur indirekt mitbekommen habe, weil ich ja Nichtraucherin bin und somit auch das Raucherzimmer nicht brauchte und so eine Aktion schon mal gar nicht.



Kicker-Queen

Um wieder etwas Ablenkung zu haben, fragte ich Dominik, ebenfalls eine verkrachte Existenz, ob wir wieder eine Runde Kickern. Er freute sich – fand er doch in mir ein Kicker-Opfer, welches damit leben konnte, immer und immer wieder zu verlieren. Im Verlieren war ich scheinbar wirklich gut. Verlieren ja… aber niemals aufgeben! Überraschenderweise (oder lag es an seiner Medikamenten-Dosis), gewann ich ein Spiel. Ich holte meinen Rückstand von 0:8 auf und mit 2 Schmetterbällen holte ich mir dieses Match. Dominik war ein schlechter Verlierer. Er wollte danach nicht mehr mit mir Kickern. Naja. Für einen jungen Mann wie ihn vielleicht auch nicht einfach, von einer Frau im Kickern geschlagen zu werden, die 15 Jahre älter war als er. Ich wünschte, mein Schatz hätte mich spielen sehen – vielleicht wäre er ja ein bisserl stolz auf seine „Fellnase“… So nannte er mich des öfteren und dieser Kosename war eine verbale Zärtlichkeit, die ich so genoß.



Messerattacke

Kurz darauf kam meine Zimmernachbarin auf mich zu und zog mich wortlos an der Hand in den Essraum der Station. Sie nahm ein dort liegendes Messer, drückte es mir in die Hand und führte meine Hand zu ihrem Bauch und ihrer Kehle. Sie hatte so viel Kraft, daß es mir nicht gelang, meinen Arm zurückzuziehen. Mir wurde ganz anders. Ich konnte meinen Arm dann doch befreien. Versuchte auf sie einzureden, daß sie mich los läßt. Sie drehte sich stumm um. Ich ging schnurstracks zum Stationszimmer und berichtete den Vorfall. Wer weiß, was die kranke Frau nachts mit nem Messer macht, wenn ich schlafe? Ich hatte ab dem Zeitpunkt große – nein größte - Angst. Es war so paradox. Es lagen Messer im Essraum herum. Stumpfe Messer… Ich verstand die Stationsorganisation einfach nicht. Auf der einen Seite sollte man Pinzetten abgeben, fand aber allmögliche anderen Gegenstände, die einem wirklich heftigen Schaden zufügen konnten. Ich wollte nur noch raus da. Es war schlichtweg ein Alptraum.



Angst

Voller Angst schlief ich dann ein. Ich wußte nicht, woran ich denken sollte. Meine durchgeknallte Zimmernachbarin, die unberechenbar war oder an das, was mein Herz so traurig machte… Ein schlimmer Tag mit einer noch schlimmeren Nacht.

 

 


Panthera Tigris



von Panthera Tigris - veröffentlicht in: mein Tag, mein Leben - Community: Alltagswahnsinn
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