Ich wachte auf und wieder war es so, wie so oft in den letzten Tagen… Wochen. Wieder wischte ich mir die Tränen aus dem Gesicht und sah zu, daß ich kultiviert zum
Speisesaal ging. Heute sollte es mein letztes Frühstück sein, daß ich in dieser Klinik einnahm. Auch diesmal hatte ich das Vergnügen von Mitpatienten „verfolgt“ zu werden. Ich versuchte auch
diesmal, daß einfach zu ignorieren, was mir halbwegs gelang.
Schwachsinn
Als nächstes stand die sogenannte Stationsversammlung an. Sie sollte 20
Minuten dauern. Anhand der angesetzten Dauer, konnte man sich schon denken, daß es nichts sinnvolles sein konnte. Auch die Themenbereiche waren sehr suspekt. Vorstellung der neuen Mitinsassen,
organisatorisches und Problembesprechung. Super… und das in 20 Minuten? Wir hockten alle im Gemeinschaftsraum. Alle diensthabenen Ärzte und Pfleger bzw. Schwestern sowie Therapeuten. Es war sehr
unruhig und nervig – kurzum chaotisch. Letztendlich wurde nur herumgemotzt – von allen Seiten – dann festgestellt, daß die Zeit um war und wieder waren 20 Minuten meiner kostbaren Lebenszeit für
Müll draufgegangen. Klasse – abartiger konnte man seine kostbare Lebenszeit wohl nicht verschwenden.
Realitätsfremd
Für mich fing dann die Phase des Wartens an. Warten darauf, daß ich endlich
abgeholt werde um dieser Klinik den Rücken zuzukehren. Damit ich aber entlassen werden konnte, mußte ich mir eine andere Station noch ansehen und mich dort vorstellen. Ich wollte nur noch weg und
somit stellte ich mich also dieser Bedingung bzw. mich auf dieser Station vor. Man erklärte mir das Therapiekonzept, welches in meinen Augen nicht wirklich sinnvoll war, und ich durfte dann
wieder gehen. Man sagte mir, daß ich mindestens 12 Wochen dort bleiben müßte. Ich tat kund, daß ich mir das sozialpolitisch nicht erlauben könnte, da ich sehen muß, daß ich einen Job finde. Was
bringt mir eine „reparierte“ Seele – wobei das ja sehr fraglich war bei diesem Therapiekonzept -, wenn ich hinterher ohne Job dastehe und in Hartz IV hänge?! Zumindest müßte ich die Möglichkeit
haben, von Samstag auf Sonntag daheim schlafen zu können und bei Bedarf, also wenn ich zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen werde, dieses auch wahrzunehmen. Die Antwort hierauf war, daß ich
mich dann nicht auf die Therapie konzentrieren könnte. Ja.. super.. 12 Wochen Käseglocke und danach der soziale Verfall… Diese Therapeuten haben echt jeglichen Sinn für die Realität verloren. Vor
allem, wenn man sich das Therapieprogramm anschaut. 30 Minuten pro Woche Einzeltherapie. 2 x die Woche Gruppentherapie. Der Rest ledigliche Bespaßung und Zeittotschlagen. Hallo? Ganz ehrlich – da
ritze ich mir lieber weiterhin in den Arm, hoffe, daß eines Tages der Schmerz vorbei geht und bleibe aber dann noch mit den Beinen im Leben…
Freiheit
Endlich war es soweit. Meine Ma und Walter holten mich ab. Ich packte
schnell meine wenigen Habseligkeiten zusammen, verabschiedete mich von der Zimmernachbarin und auch noch schnell von meinem Kicker-Partner Dominik und war froh, daß ich endlich draußen war.
„Welt, Du hast mich wieder“. Wir fuhren dann ohne Umwege direkt zu meiner Schwester in die Reha-Klinik. Frei! ICH WAR ENDLICH FREI! Befreit von meiner Traurigkeit war ich allerdings
nicht.
Klinik-Tour
Meine Schwester wurde wieder „entblockt“ und somit konnten wir mit ihr ein
wenig reden. Wir setzten sie nun komplett davon in Kenntnis, was mit ihr passiert war. Es war schön, wieder ihre Stimme zu hören. Sie übte in der Logotherapie das Essen und Trinken und sie
kämpfte sich tapfer durch ihre „Aufgaben“. Auf dem Heimweg bekam ich wieder Angst. Angst vor dem Heimkehren. Angst vor den ganze Erinnerungen. Angst… Angst es nicht zu schaffen und wieder in der
Klinik zu landen.
Realität
Als ich daheim abgesetzt wurde, halfen meine Ma und Walter schnell noch
meine Sachen ins Haus zu bringen und das erste was ich machte war, daß ich nach meinen Piepmätzen schaute. Ich war entsetzt. Das Licht war abgeschaltet und auch ein paar andere Sachen gingen mir
extrem gegen den Strich. Wieder ein Grund, warum ich nicht in Therapie gehen konnte. Meine Vögel würden das wohl nicht überleben. Hätte meine Ma sie alleine versorgt, wäre das kein Problem
gewesen, aber ich mußte mich diesmal auf meine Nachbarin verlassen. Verlassen! Aus lauter Frust rief ich meine Ma an. Dummerweise kam dann ein nicht besonders netter Spruch und ich war dann
wieder rucki zucki an dem Punkt, wo ich am liebsten wieder aus dem Fenster gehüpft wäre. Aber statt zu hüpfen, beschränkte ich mich aufs „sauer sein“. Ich rief meinen Kumpel aus dem hohen Norden
an und auch hier fühlte ich mich nur noch genervt. Zu viele Fragen. Was ich brauchte war eine liebevolle Umarmung… von einer ganz bestimmten Person.
Flashback
Ich machte dann den großen Email-Abruf. Es dauerte eine ganze Weile, bis der ganze Kram runtergeladen war. Das meiste war Müll. Hier und da eine Nachfragemail, wie es mir ging. Keine Mail von meinem Schatz. Natürlich wurde mir dann wieder einiges bewußt und die Sehnsucht wuchs. Ich versuchte mich dann abzulenken, in dem ich meinen Psycho-Doc anrief und versuchte, den Termin vorzuziehen, der für diese Woche noch anstand. Darüber hinaus versuchte ich ein weiteres Telefonat zu führen... Leider ohne Erfolg. Die Ablenkung half nicht wirklich und ich griff wieder zu meinem Cutter. Gottseidank war es sehr stumpf, so daß vornehmlich Schmerz und kein tiefer Schnitt entstand. Für einen kurzem Moment ging es mir besser. Das Ritzen wie ich es betreibe, kann man mit einem Krallenhieb von einer Katze vergleichen. Mir kam es nicht darauf an tiefe klaffende Wunden zu haben. Mich selbst zu zerstören – auch wollte ich keine Narben zurückbehalten. Mein Ritzen ist eine seltsame Mischung aus Schmerz und Vernunft.
Danach rief ich unter Tränen meinen besten Kumpel an. Ich weinte und erzählte ihm, was ich gerade wieder für einen Murks gemacht hatte. Er versuchte mich zu trösten – etwas später ging ich dann, immernoch mit Tränen in den Augen, ins Bett und hoffte, daß ich erstmal durchschlafen konnte.
Panthera Tigris
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