Müde, traurig. Aufraffen fällt mir nach wie vor schwer, wenn ich morgens
aufwache, weil die Jalousie automatisch nach oben fährt. Ich verharre in meinem Bett und denke jedesmal an den letzten Morgen zurück, als ich mit meinem Schatz in diesem Bett
aufwachte.
Ausflug
Auch heute morgen landete ich nach dem Kaffee
kochen, der Bad-Zeremonie und dem Vögel versorgen, vorm PC. Nach und nach quälten sich meine Lebensgeister auf Betriebstemperatur. Als ich an meinem PC saß, überkam mich eine Erinnerung… Es war
letztes Jahr – Ende Mai. Mein Schatz und ich hatten uns ein paar Tage frei genommen. Unser erster gemeinsamer Urlaub. Auch wenn es nur ein Kurzurlaub nach Prag war. Ich starrte auf meinen
Bildschirm. Ich sah genau das Bild vor mir, als wir im Hof des Hotels standen. Die Wände des Gebäudes waren in zartem Rosé gestrichen – hatten etwas nostalgisches. Es nieselte und war kühl. Wir
von der Fahrt erschöpft, aber überglücklich zusammen in Prag zu sein… Die Gedanken waren so real. Ich „schmeckte“ und „roch“ förmlich die Luft, wie sie war, als wir dort ankamen. Das dezente
Chaos in seinem Kombi. Das Aufschließen unserer „Suite“, das Herumalbern im Hausflur, als er mich die Treppe hochgejagt hatte…
Zurück
Ich versuchte mich zusammenzureißen, konnte es
aber nicht verhindern, daß mir wieder einige Tränen über die Wange kullerten. Dann kam ich auf den Trichter, mich mal anders abzulenken. Die Sehnsucht nach meinem Schatz war riesengroß, wobei das
Wort „riesengroß“ nicht mal ansatzweise beschreiben konnte, wie es in mir aussah. Ich stellte mir vor, wie mein Schatz mich verwöhnt und gab mich dem Gedanken hin. Das hätte ich nicht tun sollen,
denn nachdem ich „entspannt“ auf meinem Bett lag, kam der große emotionale Hammerfall. Also konnte ich nicht mal mehr meine Lust ausleben, ohne eine Krise zu bekommen. Ich weinte
wieder.
Ergebnisse
Im Laufe des Nachmittages fuhr ich dann zu
meiner Ma. Aß etwas bei ihr und gegen 17 Uhr fuhren wir zum Tierarzt, da Jessys Fäden gezogen werden mußte. Sie hatte ja vor einigen Tagen die Not-OP. Dann erfuhren wir noch das Ergebnis der
großen Blut-Untersuchung. Sie hat sehr schlechte Leberwerte und eine Schilddrüsenunterfunktion. Die Kette der Hiobsbotschaften wollte einfach nicht abreißen. Jessy bekommt nun Medikamente, die
alles wieder ins Gleichgewicht bringen sollen. Kleiner Trost. Die Wundheilung verläuft sehr gut und somit denke ich, hat sie die Not-OP gut hinter sich
gebracht.
Fehlfunktion
Als ich wieder daheim war, schaute ich das
kostenlose Wochenblatt durch und fand eine Stellenanzeige, die mich interessierte. Zwar auch wieder mit einer ziemlichen Fahrerei verbunden, aber vielleicht habe ich ja da Glück. Ich schnitt die
Anzeige aus und legte sie auf meinen Schreibtisch. Ich ging ins Erdgeschoss und hielt auf der Treppe inne. Die Tür klingelte, ich machte auf und war sprachlos. Mein Schatz stand vor der Tür und
lächelte mich an. Ich war unfähig etwas zu sagen. Er nahm mich wortlos in den Arm und küßte mich. Ich schloss meine Augen. Ich öffnete sie wieder und starrte an die Wand gegenüber der Treppe. Ich
hatte gerade einen Tagtraum. Mir wurde heiß und kalt. Ich wußte in dem Moment nicht mehr ob ich jetzt träume oder nicht. Ich mußte mich einen Moment auf die Treppenstufen setzen, um zu
realisieren, was mit mir passierte.
Erinnerungen
Auch erinnerte ich mich daran, was heute vor
einem Jahr war. Ich hatte meiner Ma und meine Schwester Karten für „OTTO“ zu Weihnachten geschenkt. Die Vorstellung war an diesem Abend vor einem Jahr. Mein Schatz hatte, nachdem ich ihm in einer
Mail davon erzählt hatte, kurzerhand ebenfalls Karten erstehen können – für ihn und für mich. Und somit verbrachten wir einen wunderschönen und lustigen Abend zusammen mit Otto Waalkes, meiner Ma
und Schwester und eben mit uns. Es war unglaublich schön… und obwohl es so schön war, schmerzte nun diese Erinnerung unglaublich.
Leichen im Keller
Ich versuchte mich dann wieder mit PC und TV abzulenken, futterte ein paar Süßigkeiten die ich noch im Schrank fand. Einige Zeit später spürte ich einen enormen Druck im Oberbauch bzw. im Magen. Ich sah zu, daß ich so schnell wie möglich ins Bad zur Toilette kam. Ich klappte die Klobrille hoch und übergab die Süßigkeiten dem weißen Keramikgott. Ok. Das war jetzt nicht so toll. Ich sah zu, daß ich den soeben erlittenen Kalorien-Verlust wieder einfahre und aß dann etwas „anständiges“. Die Leichen im Keller bezüglich meiner Essstörung klopften scheinbar mal wieder an die Tür – reinlassen wollte ich sie aber nicht. Das brauche ich jetzt nicht auch noch. Es ist schon schlimm genug, daß ich kaum was esse aus lauter Kummer, dann will ich das was ich gegessen habe aber auch für mich behalten – zumindest solange, bis es verdaut wurde. Am späteren Abend plauderte ich noch mit meinem besten Kumpel und berichtete ihm von meinem Tagtraum. Es war so real. Drehe ich jetzt endgültig durch?
Panthera Tigris
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